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Immer auf Wanderschaft – unser Default Mode Network

Da nimmt man sich vor, sich eine Auszeit zu gönnen, mal abzuschalten und zur Ruhe zu kommen. Und kaum wird es still um einen herum, wird es innen drin immer lauter. Gedankenkarussell ist untertrieben, da geht es mitunter wilder zu, als auf jeder Achterbahn. Vor lauter Loopings, die das Hirn da macht, wird einem schier schwindelig.

Das Gehirn ist immer aktiv. Allerdings nicht immer so, wie wir uns das wünschen. Wenn wir uns nicht mit Input ablenken, begeben sich die Gedanken auf Wanderschaft – man spricht auch von Mind-Wandering. Und während dieser ziellosen Wanderschaft kommen uns unzählige Dinge in den Sinn. Vergangenes wie Zukünftiges, Selbstkritik und Sinnfragen, Alltägliches und Absurdes – je weniger uns eine Tätigkeit gedanklich fordert, desto mehr begibt sich der Kopf auf Abwege und Umwege.

Da kann man schon mal den Eindruck gewinnen, man könne sich nicht konzentrieren. Gerade langatmige Meetings und Besprechungen laden dazu ein, sich gedanklich abzulenken. Da kann der fromme Wunsch nach mehr Fokus noch so groß sein. Bei Langeweile verselbstständigen sich die Gedanken nun mal und Langeweile kommt bei dem verbalen Output mancher Mitmenschen zwangsläufig auf, Gegenwehr zwecklos.

Was da so fleißig in uns arbeitet, ist das sogenannte Default Mode Network (DMN), auch als Ruhezustandsnetzwerk bezeichnet. Es wird gerne beim Nichtstun aktiv bzw. dann, wenn wir uns wach, aber nicht mit einer geistigen Aufgabe beschäftigt sind. Fließbandarbeit kann also genauso effektiv unser Ruhezustandsnetzwerk anwerfen, wie unsere Meditationspraxis – wobei letztere in der Regel eigentlich das gegenteilige Ziel hat.

Der Begriff „default“ bezeichnet einen Standard- oder Vorgabewert. Das ist quasi die Werkseinstellung, bei der alle Parameter einen festgelegten Wert haben, bevor ein Benutzer daran herumgefingert hat. Im Default-Modus befindet sich unser Gehirn (genau genommen die Regionen, die zum Ruhezustandsnetzwerk gehören), wenn es keine konkrete Aufgabe zu lösen hat – also immer dann, wenn wir Routinetätigkeiten nachgehen oder uns in Situationen befinden, die kaum bewusste Aufmerksamkeit erfordern. In solchen Momenten stehen ungenutzte geistige Ressourcen zur Verfügung, die wir für die gedankliche Selbstreflexion ebenso wie zum Erinnern, Nachdenken und Planen nutzen.

Und wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst.

Als funktioneller Gegenspieler unseres Ruhezustandsnetzwerks ist das Task Positive Network (TPN) mit nach außen gerichteter Aufmerksamkeit verbunden und wird insbesondere bei der Verarbeitung äußerer Reize aktiviert. Mit bildgebenden Untersuchungen im MRT lassen sich beide Netzwerke beobachten und zeigen typischerweise eine negative Korrelation zueinander. Dominiert die Aktivität des Default Mode Networks, ist die des Task Positive Networks vermindert – und umgekehrt.

Allerdings sind wir alles andere als präsent, wenn wir in unseren Gedanken auf Wanderschaft gehen. Zwar ist die Fähigkeit, potenzielle zukünftige Szenarien durchzuspielen, vergangene Situationen zu reflektieren und verschiedene Handlungsalternativen im Geist auszuwerten, ein evolutionsbiologischer Vorteil für erfolgreiches Handeln. Doch führt das auch dazu, dass nur ein Teil unserer Aufmerksamkeit mit dem beschäftigt ist, was wir gerade tun, während ein anderer Teil gedanklich bereits bei den Dingen ist, die wir danach vorhaben. Gerade bei der Meditation ist das Ziel, sich auf den Moment zu fokussieren und diesen bewusst wahrzunehmen.

Die nach innen gerichtete Aufmerksamkeit und vor allem die Konzentration auf den Atem als Meditationsobjekt ist geradezu eine Herausforderung. Einfach mal nichts zu denken, ist längst nicht so einfach, wie es sich anhört. Auftauchende Gedanken lediglich wahrzunehmen und dann nicht weiterzuverfolgen und so das Denken zur Ruhe zu bringen, ist umso schwieriger, je voller unser Kopf ist. Wenn es also mal wieder so ganz nicht klappen will mit dem einfach nur einatmen und ausatmen, könnte das hyperaktive Default Mode Network dahinter stecken. Konsequentes Üben gepaart mit etwas Nachsicht können helfen – auch das hat man bei Tests im MRT beobachten können; erfahrene Meditierende zeigen geringeres Mind-Wandering. Regelmäßige Meditation kann also die Aktivität des Default Mode Networks beeinflussen – muss aber nicht.

Ob man in der nächsten langweiligen Besprechung nicht doch lieber wieder gedanklich auf Wanderschaft geht, könnte dann sogar eine bewusste Entscheidung sein.

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